Das Angebot, das Sie nicht schreiben — Bid/No-Bid-Disziplin in der Bauvergabe 2026

Das Angebot, das Sie nicht schreiben — Bid/No-Bid-Disziplin in der Bauvergabe 2026

Der öffentliche Baumarkt 2026 zieht Unternehmen mit höheren Wertgrenzen und beschleunigten Verfahren an. Warum die profitabelste Entscheidung oft die ist, ein Angebot gar nicht erst zu schreiben.

Es ist 7:43 Uhr. Andreas öffnet den Ordner.

Vergabeunterlagen_Kanal_Erneuerung_Mühlberg_2026 — 312 Megabyte. Darin: ein Leistungsverzeichnis mit 847 Positionen, eine Baubeschreibung, vier Pläne, drei Formulare und ein Angebotsschreiben, das er noch nicht angefasst hat. Abgabetermin: übermorgen, 12:00 Uhr.

Er hat das Projekt noch nicht bewertet. Er wollte es am Wochenende durchsehen. Das Wochenende ist vorbei.

Das hier ist kein Vergabeproblem. Das ist ein Entscheidungsproblem, das zu spät erkannt wurde.

Die teuerste Zeile im Angebot steht nicht drin

Jedes Angebot kostet Geld — bevor ein einziger Euro verdient ist.

Für einen normalen funktionalen Bauauftrag liegen die Kalkulationskosten Schätzungen zufolge bei rund 0,5 bis 1,5 Prozent der Auftragssumme. Bei komplexeren Verfahren — PPP, Lebenszyklusmodelle — können es bis zu 5 Prozent sein. Das sind keine zertifizierten Statistiken, das sind Erfahrungswerte aus der Praxis und Sekundärquellen. Aber die Richtung stimmt.

Ein Angebot für einen Bauauftrag über 800.000 Euro kostet euch, grob, zwischen 4.000 und 12.000 Euro. Intern. Kalkulation, LV-Durchsicht, Subunternehmeranfragen, Formulare, Revisionsstufen, Koordination. Alles Eigenaufwand, der nicht in Rechnung gestellt wird.

Verliert ihr: versunkene Kosten, vollständig.

Gewinnt ihr: ihr habt ein Projekt, das ihr noch kalkulieren musstet, bevor ihr wusstet, ob es wirtschaftlich ist.

Die meisten Unternehmen verwalten diesen Aufwand nicht. Sie spüren ihn erst, wenn das Quartal endet und die Auslastung stimmt, aber die Marge nicht.

Was der Markt gerade verändert

Seit dem 1. Januar 2026 gelten neue Wertgrenzen nach §3a VOB/A Abschnitt 1. Direktauftrag bis 50.000 Euro, Freihändige Vergabe bis 100.000 Euro, Beschränkte Ausschreibung ohne Teilnahmewettbewerb bis 150.000 Euro — jeweils netto. Die alte Staffelung nach Gewerken ist weggefallen.

Das ist die Bundesbaseline. Viele Länder und Kommunen haben eigene, teils höhere Wertgrenzen — wer sich auf §3a beruft, muss prüfen, was der jeweilige Auftraggeber tatsächlich anwendet.

Gleichzeitig ist der EU-Schwellenwert für Bauaufträge zum 1. Januar 2026 auf 5.404.000 Euro gesunken — von zuvor 5.538.000 Euro, festgelegt durch die Delegierte Verordnung (EU) 2025/2152. Nicht gestiegen. Mehr Aufträge fallen damit potenziell in den europäischen Wettbewerb.

Und dann ist da noch das Vergabebeschleunigungsgesetz: Bundestag 23. April 2026, Bundesrat 8. Mai 2026, in Kraft seit 1. Juli 2026 — und zwar nur für Verfahren, die ab diesem Datum eingeleitet wurden. Laufende Vergaben bleiben nach altem Recht. Das Gesetz bringt unter anderem einen neuen Standard im offenen Verfahren: die Angebots- bzw. Wertungsprüfung vor der Eignungsprüfung — der einfache Wertungsvorgang, bei dem das Angebot vor der Eignung geprüft wird. Außerdem wandert der Losgrundsatz in einen neuen §97a GWB; die Mittelstandsfreundlichkeit bleibt in §97 Abs. 4 GWB verankert.

All das zieht Unternehmen stärker in den öffentlichen Markt. Mehr zugängliche Schwellen, mehr Verfahren, mehr Ausschreibungen im Radar.

Das ist die Gefahr.

Mehr Ausschreibungen bedeutet mehr Gelegenheiten, falsch zu entscheiden

Nach Destatis-Schätzungen — kein vollständiger Zensus — wurden 2024 in Deutschland rund 199.000 Aufträge und Konzessionen mit einem Gesamtvolumen von etwa 135 Milliarden Euro vergeben. Rund 88 Prozent aller Vergaben liegen unterhalb der EU-Schwellenwerte.

Der Wettbewerb dort ist oft übersichtlich. Viele Lose, wenige Bieter. Das klingt attraktiv.

Aber: In schätzungsweise 59 Prozent der Vergaben ist der Preis das einzige Zuschlagskriterium. Nicht Qualität, nicht Nachhaltigkeit, nicht Erfahrung. Nur der Preis. KMU erhalten nach Daten aus dem zweiten Halbjahr 2021 rund 64 Prozent der Aufträge nach Anzahl, aber nur etwa 41 Prozent nach Wert.

Der Markt belohnt keine Stärke. Er belohnt das günstigste Angebot, das rechtzeitig eingeht.

Wenn ihr in diesem Umfeld mehr Angebote schreibt, schreibt ihr mehr Verluste. Ihr verteilt euren Kalkulationsaufwand breiter — und gewinnt nicht öfter, ihr verliert öfter, nur in mehr Verfahren gleichzeitig.

Bid/no-bid ist kein Filter. Es ist eine Entscheidungsarchitektur.

Die Frage ist nicht: “Können wir das Projekt umsetzen?”

Die Frage ist: “Warum sollten gerade wir dieses Projekt gewinnen?”

Wenn die Antwort lautet “weil wir verfügbar sind” oder “weil wir günstig kalkulieren können” — dann ist das kein Grund. Das ist Hoffnung, verkleidet als Strategie.

Ein funktionierendes Bid/no-bid-System hat konkrete Kriterien, die vor dem Öffnen der Vergabeunterlagen gelten:

Kennt ihr den Auftraggeber? Habt ihr eine Referenz in diesem Bereich, die zählt? Sind eure Kapazitäten in diesem Zeitraum wirklich verfügbar — nicht theoretisch, sondern konkret? Liegt die Gewinnwahrscheinlichkeit realistisch über einer definierten Schwelle?

Wer diese Fragen nicht hat, hat kein System. Er hat eine Gewohnheit.

Und Gewohnheiten skalieren nicht.

Bietergemeinschaften: Instrument, kein Trick

Manchmal ist die ehrliche Antwort: allein schaffen wir es nicht. Fehlende Referenzen, fehlende Kapazität, fehlende Zulassung.

Dann kann eine Bietergemeinschaft sinnvoll sein. §6 Abs. 2 VOB/A stellt sie dem Einzelbieter gleich.

Aber die Grenzen sind scharf. Eine Bietergemeinschaft, die gegründet wird, weil man so bessere Chancen hat — obwohl jedes Mitglied das Verfahren auch allein bestreiten könnte — ist kartellrechtlich unzulässig. Das ist keine Grauzone. Das ist ein Verbot, das in der Praxis oft unterschätzt wird.

Zulässig ist die Gemeinschaft im Wesentlichen dort, wo ein Mitglied das Projekt realistischerweise nicht allein stemmen könnte: fehlende Schlüsselreferenz, fehlende Kapazität in einer bestimmten Fachrichtung, fehlende Zertifizierung. Und die Gründe müssen dokumentiert und offengelegt sein.

Wer eine Bietergemeinschaft betreibt, um die Zuschlagschancen zu erhöhen, ohne dass die sachliche Notwendigkeit vorliegt, hat ein juristisches Problem — und löst damit kein strategisches.

Die Entscheidung, die keine Kosten hat

Andreas hätte das Projekt am Montag in zwanzig Minuten einschätzen können.

Markt bekannt? Nein. Referenz passend? Schwach. Kapazität im dritten Quartal? Kritisch. Preiskampf zu erwarten? Ja.

No-bid.

Stattdessen öffnet er jetzt das Leistungsverzeichnis mit 847 Positionen, zwei Tage vor Abgabe, ohne Vorkalkulation, ohne Subunternehmeranfragen, ohne zu wissen, ob sein Polier in dieser Woche überhaupt Zeit hat, die Aufwandsschätzung gegenzuprüfen.

Der Ordner kostet ihn gerade 1,5 bis 2 Personentage. Die Wahrscheinlichkeit, dass er das Projekt gewinnt, liegt — ohne Vorteil in Preis oder Referenz — irgendwo unter 25 Prozent.

Das ist die Kalkulation, die er nicht gemacht hat.

Systematisch nein sagen

Die Unternehmen, die in öffentlichen Ausschreibungen stabil performen, schreiben nicht die meisten Angebote.

Sie schreiben die richtigen.

Das klingt banal. Es ist in der Praxis radikal, weil es bedeutet, dass jemand diese Entscheidung explizit treffen muss — mit Kriterien, mit Daten, mit Konsequenz. Nicht nach Bauchgefühl, nicht nach “wir haben gerade Zeit”, nicht nach “der Auftraggeber ist interessant”.

Ein Werkzeug wie Steinlog hilft dabei, den Überblick über laufende Verfahren zu behalten. Aber die Entscheidung, ob ein Verfahren überhaupt in die Pipeline kommt, muss vorher fallen — bevor die Vergabeunterlagen heruntergeladen werden.

Was das bedeutet

Der öffentliche Baumarkt 2026 bietet mehr zugängliche Schwellen, vereinfachte Verfahren und eine neue prozessuale Logik durch das Vergabebeschleunigungsgesetz.

Er belohnt Unternehmen, die wissen, wo sie gewinnen — nicht solche, die überall mitbieten.

Das Angebot, das ihr nicht schreibt, kostet euch nichts.

Das Angebot, das ihr schreiben musstet, weil ihr die Entscheidung zu spät getroffen habt — das kostet. Immer.

Andreas schließt den Ordner.

Nicht heute. Nicht dieses Projekt.

Das ist keine Niederlage. Das ist die Entscheidung.